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Potz! Blitz!

Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech

vom 12. August 2022 bis 29. Januar 2023 im Museum für Kommunikation Frankfurt

Schon immer flucht und schimpft die Menschheit – mit schlimmen und lustigen Folgen. Dabei ist eines sicher: Nirgendwo begegnet man Kraftausdrücken so gefahrlos, lehrreich und vergnüglich wie in der Ausstellung „Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“; die vom 12. August 2022 bis 29. Januar 2023 im Museum für Kommunikation Frankfurt zu sehen ist.

Auf diesem ausstellungsbegleitenden Expotizer erfährst du, was das Fluchen mit Schimpfen zu tun hat, warum wir fluchen und was Kraftausdrücke in unserem Gehirn auslösen. Wir zeigen dir, wie in anderen Ländern geflucht wird und welche Rolle dabei die Tierwelt einnimmt. Du wirst erfahren, was Fluchverbote erreichen können und wo diese an ihre Grenzen stoßen. Wir geben dir aber auch Hinweise und Hilfsmittel auf den Weg, wie du mit Hassbotschaften in der analogen und digitalen Welt besser umgehen kannst und wo es Hilfe zu finden gibt. Oft wirst du denken: „Potz! Blitz!“ Das ist die Kurzform des alten Fluchs: „Gottes Blitz soll dich treffen!”

Inhalt

Einführendes zum Thema

Und der Fluch des Pharao? Was hat es mit dem Ausstellungstitel auf sich?

Eine vermaledeit kurze Geschichte des Fluchens – Der Kurator der Ausstellung über das Fluchen und Schimpfen

Der Schimpfwortgenerator – Wer nicht so kreativ flucht, kann es hier noch lernen

Was verflucht nochmal passiert beim Schimpfen im Gehirn?
Fluchen und Schimpfen aus neurowissenschaftlicher Sicht

Gib mir Tiernamen – Warum sind Vergleiche mit dem Tierreich so beliebt?

Was machen digitale Anfeindungen und Hassbotschaften mit uns und was können wir dagegen tun?

Dass einem Hören und Sehen vergeht – Wie präsent ist das Fluchen und Schimpfen in den Medien?

Ich bin `ne Bitch: Fluchen und das weibliche Geschlecht – Wie und warum fluchen Künstlerinnen in einem maskulin geprägten Musik-Genre?

Shitstorm, Hatespeech, Cyber-Bullying? Im Glossar erfährst du mehr!

Wirf einen Blick in die Museumsausstellung

Einführendes zum Thema

Fluchen und Schimpfen sind Grundverhalten des Menschen. Es fußt auf der Überzeugung, dass bestimmte Wörter eine Art magische Macht haben. Deshalb passt ihre allgemeine Bezeichnung als Kraftausdrücke sehr gut.
Meist handelt es sich um Tabu-Wörter. Ihr Gebrauch ist im Alltag nach den Regeln von Religion, Kultur, Moral, Gesetz verboten oder verachtet. Der Bruch dieser Regeln gibt den Kraftausdrücken allein schon Macht.
In der Alltagssprache unterscheidet man kaum zwischen Fluchen und Schimpfen. Fluchen ist mit dem Verfluchen anderer verbunden. Eine enge Verbindung existiert mit dem Schwören. Eide enden oft mit Selbstverfluchungen für den Fall des Eidbruchs.
Das Schimpfen verknüpft man oft mit etwas, das beschimpft wird: Personen – auch die eigene –, Situationen, Institutionen etc. Allerdings kann man auch vor sich hin schimpfen.
Hate Speech oder Hassrede bezeichnet meist radikale Verunglimpfungen, Beleidigungen, Herabwürdigungen von Personen, Gruppen, Völkern, Institutionen, Religionen, Haltungen. Ein juristischer Fachbegriff oder Tatbestand ist sie nicht.

Fluchen und Schimpfen kann man auch ohne Kraftausdrücke

Potz! Blitz! Und der Fluch des Pharao?

Was hat es mit dem Ausstellungstitel auf sich?

Der Fluch des Pharao und Hate Speech? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Der Kurator Dr. Essig erklärt, was der Ausstellungstitel zu bedeuten hat und was sich hinter diesen Begriffen verbirgt.

Kurator Dr. Essig spricht in diesem Video über den Ausstellungstitel.

Dr. Essig zum Ausstellungstitel

Vorstellung Kurator Dr. Rolf-Bernhard Essig

Dr. Rolf-Bernhard Essig, geboren 1963 in Hamburg, ist Germanist, Historiker und Wortforscher. Deutschlandweit ist er seit Jahren aus den Medien nicht mehr wegzudenken. In zahlreichen Kolumnen, Beiträgen und Büchern ist der “Indiana Jones der Wortschätze” (NN/NZ) sprichwörtlichen Redensarten und der Herkunft von Wörtern auf der Spur.
Mehrfach kuratierte er für die Museen für Kommunikation Ausstellungen, so die seit 2016 tourende Schau „Mein Name ist Hase! Redewendungen auf der Spur“ mit über 250.000 Besucher:innen. Essig widmet sich nun mit “Potz! Blitz!” einem besonders heiklen und spannenden Thema der menschlichen Kommunikation.

Was hat es mit dem Ausstellungstitel „Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“ auf sich?

Dr. Rolf-Bernhard Essig:
Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hatespeech. So heißt die Ausstellung. Man wird sich wundern, warum gerade Potz! Blitz! Das ist doch eigentlich ein Ausruf der Überraschung. Es handelt sich aber um eine sogenannte Hüllformel, die auf gut Deutsch bedeutet: Gottes Blitz soll dich treffen! Das ist eine Verwünschung, eine Verfluchung. So etwas Ähnliches gibt es auch seitdem das Grab von Tutenchamun im Jahr 1922 gefunden wurde. Es starben angeblich ganz viele, die an der Auffindung dieses Grabes beteiligt waren. Ein Fluch des Pharao soll getroffen haben. Wie das sich immer weiterentwickelt hat, wie die Kraftausdrücke schließlich zur Hate Speech wurden, das erklärt und zeigt unsere Ausstellung.

Unwillkürliches und absichtliches Fluchen kann physische und soziale Schmerzen sowie Stress messbar verringern

Verdammt gute Frage

Wie präsent ist das Fluchen und Schimpfen in deinem Alltag?

In welcher Situation fluchst du am häufigsten?

Eine vermaledeit kurze Geschichte des Fluchens

Der Kurator der Ausstellung Dr. Rolf-Bernhard Essig über das Fluchen und Schimpfen

Eine vermaledeit kurze Geschichte des Fluchens zu erzählen, ist sicherlich eine große Herausforderung. Schließlich flucht und schimpft der Mensch seitdem er spricht und mit anderen kommuniziert. Kurator Dr. Essig hat die jahrhundertelange Fluch- und Schimpfkultur für uns aufgearbeitet und zusammengefasst.

In diesem Videointerview mit Kurator Dr. Essig gibt es mehr über die Kulturgeschichte des Fluchens und Schimpfens zu erfahren.

Interview

Gehört das Fluchen zum Menschsein?

Dr. Rolf-Bernhard Essig:
Verdammt nochmal, ja. Das kann man nicht anders sagen. Es gibt von Kindesbeinen an diese besondere Art von Reiz, den Kraftausdrücke ausströmen. Wir haben sofort den Eindruck, etwas damit erreichen zu können. Wenn wir ein Kleinkind sind und sagen statt Mama oder Auto Scheiße, dann ist die Aufregung groß. Jeder merkt, ich kann mit diesen Wörtern mehr anfangen. Sie haben Beleidigungspotential, sie können erheitern, erfreuen und sie können verwirren. Darüber hinaus wissen wir, die ältesten Zeugnisse der Menschheit sind gar nicht so selten Verwünschungen, Flüche und eben auch Kraftausdrücke.

Seit wann flucht der Mensch eigentlich?

Dr. Rolf-Bernhard Essig:
Seit wann flucht der Mensch? Ich würde sagen, der Mensch flucht, seit er die Sprache hat. Jedenfalls können wir uns das vorstellen. Nehmen wir einen alten Produzenten von Faustkeilen, der sich auf den Daumen haut. Der wird garantiert eine Art von Schmerzlaut ausgestoßen haben und kann er denn schon richtig gut sprechen, dann folgte garantiert ein Kraftausdruck. Es ist so, dass wir ja leider nur schriftliche Quellen haben und in denen findet man Kraftausdrücke, Verwünschungen, Verfluchungen mindestens seit 5 000 Jahren. Seit wir in der Keilschrift solche Verwünschungen gefunden haben. Eine der ältesten stammt übrigens von einem Bibliothekar, der möchte, dass die Schrifttafeln auch wieder zurückgegeben werden und nicht kaputt gemacht, ins Wasser gelegt oder geschabt und unlesbar gemacht werden.

Haben unsere Vorfahren schon geflucht und wie hat sich das Fluchen seitdem verändert?

Dr. Rolf-Bernhard Essig: Wie hat sich das Fluchen heute gegenüber dem unserer Vorfahren verändert. Wir haben wieder das Problem, dass wir die mündliche Schimpf- und Fluchkultur leider nicht überliefert haben. Was dem aber nahekommt, beispielsweise im Drama oder in Dialogen, die in künstlerischen Texten vorkommen, das kann als Vergleich schon herangezogen werden. Wenn ich so sehe, was ein Catull beispielsweise über Caesar geschrieben hat, das ist so drastisch, da wird man schon schamrot. Insofern ist es schon eine andere Art zu fluchen. Alleine von den Wörtern her. Wir würden Kanaille oder Hundsfott heute einfach nicht mehr verwenden. In der Intensität hat sich nicht so sehr viel getan. Was klar ist: die Abgrenzung zwischen einer Hochsprache, in der man nicht flucht, und einer Umgangssprache, wo man munter vom Leder ziehen kann, das hat sich aufgeweicht.

Kraftausdrücke können, müssen aber nicht beleidigen und verletzen

Noch so eine blöde Frage?

Wie präsent ist das Fluchen und Schimpfen in deinem Alltag?

Wie häufig fluchst du am Tag?

Der Schimpfwortgenerator

Wer nicht so kreativ flucht, kann es hier noch lernen

So vielfältig die Menschen sind, so unterschiedlich wird weltweit geflucht. Wenn uns etwas aufregt, ärgert oder überrascht greifen wir zu Flüchen, Beleidigungen und Kraftausdrücken. Die einen sind hier kreativ und haben für jede Situation einen scheinbar passenden Begriff parat. Für diejenigen, denen es manchmal an wortgewandter Schlagkraft fehlt, haben wir einen Schimpfwortgenerator. Also:

Kraftausdrücke können die körperliche und geistige Leistung stärken oder schwächen

Was verflucht nochmal passiert beim Schimpfen im Gehirn?

Fluchen und Schimpfen aus neurowissenschaftlicher Sicht

Kate Burridge (Autorin und Linguistin):
Schimpfwörter sind sozial und emotional unersetzliche, entscheidende Bestandteile unseres sprachlichen Repertoires, die uns helfen, Stress zu verringern, Schmerz zu bewältigen, Kraft und Ausdauer zu vergrößern und mit Freunden und Kollegen zu verbinden – sie werden nicht umsonst beschrieben als „strong language“ [wörtlich „kraftvolle Sprache“, im Deutschen „Kraftausdrücke“].

[Original] Kate Burridge: Swearwords are socially and emotionally indispensable, vital parts of our linguistic repertoires that help us mitigate stress, cope with pain, increase strength and endurance and bond with friends and colleagues — it’s not for nothing they are described as “strong language”.

WAS MACHT DAS FLUCHEN IM GEHIRN?

Für das Thema „Fluchen und Schimpfen“ ist die einfache Unterscheidung höherer und tieferer Hirn-Funktionen wichtig. Die Verarbeitung von Sprache gehört zu den höheren. Die rationale Verarbeitung von Sprache findet bei den meisten in der linken Hemisphäre statt, deren emotionale Einbindung in der rechten. Wie das genau funktioniert, erklärt Prof. Dr. Aglaja Stirn hier in unserem Interview.

Kraftausdrücke können die Glaubwürdigkeit von Aussagen stärken oder schwächen

Schon wieder so eine dumme Frage?!

Wie präsent ist das Fluchen und Schimpfen in deinem Alltag?

Wie fluchst du? Bist du das Team Tiernamen oder greifst du tiefer in die Kraftausdruck-Werkzeugkiste?

Gib mir Tiernamen

Warum sind Vergleiche mit dem Tierreich so beliebt?

Apropos Team Tiernamen: Tiere dienen seit jeher als Beleidigung in den unterschiedlichsten Kulturen. Die besonderen und oftmals etwas spezielleren Eigenschaften der Tiere werden bei Beleidigungen auf den Menschen übertragen. So wird der Ochse nicht nur in der tschechischen Sprache als Schimpfwort für Menschen gewählt, die als dumm oder beschränkt erscheinen. In der Türkei kommt der Esel nicht gut weg: in harmloser Variante bezeichnet der Eselssohn einen frechen Bengel; je nach Kontext kann die Beleidigung aber auch als Dummkopf oder Bastard aufgefasst werden.

Diese Tiere müssen auch als Beleidigung herhalten:

Eulenküken, uilskuiken. Aus den Niederlanden

Junge Eulen sind unbeholfen und sehen für Menschen dümmlich aus. „Eulenküken“ beschimpft naiv dumme Menschen.

Ziegenbock/Bock, Козёл. Aus Russland.

Der Bock gilt besonders in Russland als dumm und grob. Das Wort beschimpft Idioten, Ärsche u.a.

El Labwa. Aus Ägypten.

In arabischen Ländern nennt man Prostituierte oft Löwin.

So bedeutet der Ausdruck „Hurensohn“.

Gorilla, Gorira, ゴリラ. Aus Japan.

Exotische Tiere wirken oft besonders beleidigend; gerade im traditionsstarken Japan. Das Wort beschimpft lächerlich zornige Männer.

Überfahrenes Opossum, old road kill possum. Aus den USA.

Vielleicht weil hier Tiere recht oft überfahren werden, ist „road kill“ in Verbindung mit einem verachteten Tier sehr beliebt. Das drückt tiefste Verachtung aus.

Schwaben: Halbdackel

„Dackel" ist eine harmlose Bezeichnung für ungeschickte, unkluge Menschen.

Seltsamerweise ist „Halbdackel" dafür eine Steigerung.

Italien: Viper, vipera.

Die Schlangen gelten schon in der Schöpfungsgeschichte der Bibel als böse Tiere. „Viper" beschimpft Scharfzüngige und Boshafte.

Ei einer Schildkröte, wàng bā dàn.

Auch in China beschimpft man jemanden mit seiner verächtlichen Herkunft.
Hier ist es „Ei / Abkömmling einer Schildkröte!"

Spanien: Hyäne, hiena

Das oft Aas fressende Tier verachten viele, zumal es auf sie hässlich wirkt. Als Schimpfwort bezieht es sich auf grausame Menschen.

Kraftausdrücke verändern sich mit der Gesellschaft und damit ihre Intensität

Wie wird wo am liebsten geflucht?

Oder auch: Wie fluchen denn eigentlich die „Anderen“?

Nicht nur wir in Deutschland fluchen und schimpfen in bestimmten Situationen in unserem Alltag. So vielfältig wie die Menschen sind, so bunt, unterschiedlich und unterhaltend sind auch die Flüche und Schimpfworte auf der Welt. Kurator Dr. Essig nimmt uns auf einen kurzen Ausflug durch die internationale Fluch- und Schimpfkultur mit.

Kurator Dr. Essig spricht über internationale Fluchvorlieben und verrät uns seinen Lieblingsfluch.

Interview

Wie unterschiedlich wird in anderen Ländern und Kulturen geflucht?

Dr. Rolf-Bernhard Essig:
In den Nationen gibt es in der Tat bestimmte Fluchtraditionen, wenn auch manches ähnlich ist. Zum Beispiel wird ganz oft bei Tieren geflucht wie Ochs und Esel und so weiter. Aber es gibt markante Unterschiede zum Beispiel im Bereich der Verwandtenflüche. Die waren in Deutschland lange Zeit nicht mehr üblich. In Russland gibt es eine ganze Sprache des Fluchens, die sogenannte мать -Sprache und мать bedeutet Mutter. Diese Sprache ist überall in allen Gesellschaftsschichten verbreitet. Die Verwandtenflüche darüber hinaus sind gerade im arabischen Sprachraum sehr beliebt. Im Niederländischen werden häufig Krankheiten bemüht, um jemanden zu beschimpfen oder auch religiöse Flüche. Ähnlich in katholischen Ländern wie Spanien oder Italien. Da ist auch das Sexuelle sehr stark. Uns Deutschen sagt man nach, wir seien analfixiert, weil wir mit Arsch und Scheiße fluchen und schimpfen. Nun, ich bin kein Freund der Psychoanalyse, gleichwohl kann man sagen, dass wir in diesem Bereich sehr führend sind.

Dr. Essigs Lieblingsfluch

Dr. Rolf-Bernhard Essig:
Mein Lieblingsfluch stammt sicher von Shakespeare: Du verfluchter kuttelgesichtiger Halunke …

Amüsante Verwandtschaftsflüche und kreative Tiernamen

Dr.in Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray spricht über türkische Redewendungen, die ein hohes Beleidigungspotenzial besitzen. Je nach Einsatz können sie aber auch zu sehr amüsanten Reaktionen führen.

Dr.in Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray verrät uns ihren Lieblingsfluch aus dem Türkischen.

Lady Bitch Rays Lieblingsfluch aus dem Türkischen.

Mein Lieblingsfluch kommt definitiv aus dem Türkischen. Und zwar aus dem anatolischen Dorftürkisch. Ich sage erstmal den Fluch und übersetze danach die Bedeutung: „Senin ananı, babanı, gelmişini geçmişini si-nemaya götürürüm“, das heißt übersetzt sowas wie: „Ich bringe deine Mutter, deinen Vater und deine gesamte Sippe (oder: all deine bisherigen Verwandtschaft) ins Kino.“ Richtig verstehen kann man diesen Satz jedoch nur, wenn man den Wortwitz dabei kennt: normalerweise würde dieser Satz in unzensierter Version nämlich folgendermaßen lauten: „Senin ananı, babanı, gelmişini, geçmişini si-kerim“, was übersetzt bedeutet: „Ich ficke deine Mutter, deinen Vater und deine gesamte Sippe (oder bisherige Verwandtschaft)“. Das heißt, um die Vulgarität dieser Aussage zu entkräftigen, lässt man das Präfix „si“ und hängt statt dem vulgären Wortende „-kerim“ einfach das zensierte Wortende “-nemaya“ dran, so dass es dann zu: „sinemaya“ = „ins Kino“ wird, statt „sikerim“ = „ich ficke“.

Ein weiteres entschärftes Schimpfwort, das mein Vater immer sagt, wenn er wütend ist – weil er vor uns Kindern bewusst keine Schimpfwörter benutzt – lautet: „Eşşeğin tabancası“, was so viel heißt wie „Die Pistole des Esels“. Ich liebe diese Bezeichnung einfach.

Die Künste setzen Fluchen und Schimpfen als ästhetisches Mittel ein

Hate Speech und digitale Anfeindungen

Was machen digitale Anfeindungen und Hassbotschaften mit uns und was können wir dagegen tun?

„Hate Speech“ / „Hassrede“ ist kein juristischer Fachbegriff. Betroffenen und den meisten Menschen ist allerdings ganz klar: Wer hassererfüllte, beleidigende, verletzende, aggressive Botschaften bekommt oder verleumdet wird, braucht Hilfe.
Ob es sich um Mobbing handelt, Trollangriffe, Shitstorms, Lügen oder andere Hass-Angriffe, hier sind Adressen von Hilfsorganisationen oder Betroffenengruppen sowie der Strafverfolgungsbehörden zu finden.

Dass einem Hören und Sehen vergeht

Aktuelle technische Einrichtungen löschen im Netz automatisch Audiotexte und Bilder. Sie überlagern oder schneiden als unanständig oder strafbar verstandene Wörter in Liedern aus. Wegen der Verwendung von Kraftausdrücken oder obszönen Gesten klagt man schon seit Jahrzehnten Radio- und Fernsehstationen in vielen Ländern an. Die Basis für diese Form von äußerer und innerer Zensur ist schmal. Damit sind die Entscheidungen im Detail weitgehend beliebig.
Achtung: Hier hörst und siehst du Harmloses, Drastisches, Kreatives, Kluges, vielleicht sogar nicht Jugendfreies.

“Frauenpower“ oder “Fluchende Frauen”

Welche Künstlerinnen fluchen so schön?

• SXTN – Deine Mutter (2016)
• Tic Tac Toe – Ich find dich scheiße (1995)
• LaFee – Virus (2006)
• Joan Baez – Love is Just a Four Letter Word (1968)
• Nura – Fotze wieder da (2021)
• Britney Spears – Work B**ch (2013)
• Missy Elliott – She’s a Bitch (1999)
• Nicki Minaj – Anaconda (2014)
• Gwen Stefani – Hollaback Girl (2005)
• SOAK – Swear Jar (2022)
• Lady Bitch Ray – Bitchanel (2018)

“Fuck You!” und “Fick dich!”

Wer verpackt hier diese wunderschönen Worte in der eigenen Kunst?

• Heiter bis Wolkig – Fick dich, Wichser (1997)
• Lily Allen – Fuck You (2009)
• Bloodhound Gang – Foxtrot Uniform Charlie Kilo (2005)
• Großstadtgeflüster – Fickt-Euch-Allee (2015)
• Sabrina Setlur – Du liebst mich nicht
• Limp Bizkit – Hot Dog (2000)
• Swiss & die Anderen – Fick Dich (2015)
• Body Count – Cop Killer (1992)
• CeeLo Green – Fuck You (2010)
• Nura – Fotze wieder da (2021)
• YEANNIVER – Ich ficke jeden (2021)
• Lil Kim – Fuck you (2008)
• BIF Naked – Fuck you 2 (2009)
• Kailee Morgue – Fuck You (2018)
• Shek Wes – Mo Bamba (2017)
• Blackbear – Hot Girl Bummer (2019)

Literatur

Dr. Rolf-Bernhard Essig liest…

Geschichtsklitterung

Johann B. Fischart: Geschichtsklittung. Erstausgabe erschienen im Jahr 1575 unter dem Titel „Affentheurliche und Ungeheurliche Geschichtschrift”. Eingelesen von Dr. Rolf-Bernhard Essig im Jahr 2022.

Dr. Rolf-Bernhard Essig liest…

Faust. Der Tragödie erster Teil.

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Erstveröffentlichung im Jahr 1808. Eingelesen von Dr. Rolf-Bernhard Essig im Jahr 2022.

Dr. Rolf-Bernhard Essig liest…

Was ich schimpfe?

Nina George: Was ich schimpfe? Aus dem Buch „Holy Shit! Alles übers Fluchen und Schimpfen” von Dr. Rolf-Bernhard Essig. Erstveröffentlichung 2012. Eingelesen von Dr. Rolf-Bernhard Essig im Jahr 2022.

Dr. Rolf-Bernhard Essig liest…

Pharaos Fluch

Robert Gernhardt: Pharaos Fluch. Aus dem Sammelband „Wörtersee. Gedichte.” erschienen im Jahr 1981. Eingelesen von Dr. Rolf-Bernhard Essig im Jahr 2022.

Wer kreativ und variantenreich flucht und schimpft, hat auch sonst überdurchschnittliche Sprachfähigkeiten

Dein Ernst?!

Noch eine Frage, du Pappnase!

Wie findest du es, wenn in Liedern geflucht wird?

Ich bin `ne Bitch

Fluchen und das weibliche Geschlecht

Wie und warum fluchen Künstlerinnen in einem maskulin geprägten Musik-Genre?

Männer fluchen und Frauen nicht. Ein gängiges Vorurteil, aber stimmt das eigentlich? Laut Prof. Dr. Stirn ist die Forschung diesem Phänomen auf der Spur und konnte schon belegen, dass auch das weibliche Geschlecht kein Blatt vor den Mund nimmt. Besonders im Bereich der Musik zeigen nicht nur Männer, wie geflucht werden kann. Auch Künstlerinnen präsentieren uns regelmäßig, wie wortgewandt sie mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Kraftausdrücken umgehen können. Vor allem in Hinblick auf die sehr maskulin geprägten Genre des Raps und Hip Hops stellt sich die Frage, wie sich Künstlerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen behaupten und wie sie sich die Sprache zu eigen machen.

Wir haben mit Dr.in Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray ein Videointerview geführt, in welchem sie uns verrät, wie sie ihre Frau in einer von Männern dominierten Welt steht und welche Rolle die gewählte Sprache spielt.

Fluchen und Schimpfen dienen oft als soziales Erkennungssignal und Bindemittel

Bravo!

Ihr habt es bis ans Ende dieser vermaledeiten Seite geschafft. Ob nun aufmerksam gelesen, laut geflucht oder einfach nur nach unten gescrollt bleibt unser Geheimnis, ihr flokatiplatten Dramaqueens und infantilistischen Superloser!

Diese Ausstellung ist die erste, die über zwei Standorte der Museumsstiftung hinweg realisiert wurde. Die Museen für Kommunikation Frankfurt und Nürnberg haben das Projekt gemeinsam geplant und mit viel Humanpower umgesetzt – also eine verflixte Premiere, der Wahnsinn! Zudem einen Scheiß- Riesen-Dank an alle, die das Projekt unterstützt haben!

Ihr meint jetzt, das war alles? Verdammt nochmal, nein. Zum Donnerwetter, das hier ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Ausstellung. Bei uns im Museum gibt es noch viel kuriosere und außergewöhnliche Dinge zu entdecken. Einfach diesem nervigen Link zum Museum folgen und mehr ätzende Informationen erhalten.